Die verlorene Zeit

17.06.2024

Es ist erschütternd, wie viel Wissen verlorengeht, wenn eine Generation stirbt. Das dachte ich das erste Mal ganz bewusst in einem Dorfmuseum, in dem Geräte und Werkzeuge aus Landwirtschaft und Hauswirtschaft ausgestellt waren. Ihr Zweck lässt sich wahrscheinlich weitgehend noch recherchieren, wenngleich einige sehr speziell erschienen. Ich erinnere mich, dass mir jemand an anderer Stelle von Geräten erzählte, die in den 1950er und 1960er Jahren die Kartoffelernte maschinell erleichterten, bevor wieder andere Erfindungen kamen. Menschen, die aber solch ein Gerät in Aktion gesehen haben, seine Tücken genau kennen, genau einschätzen können, was vorher und nachher war, sterben weg.

Diese Dinge waren noch begreifbar. Mit einer guten Anleitung lassen sie sich vielleicht rekonstruieren. Und es wäre ganz gut, dieses Wissen zu behalten, wenn moderne Mähdrescher eines Tages plötzlich nicht mehr funktionieren. Es reicht ja, dass ein elektronisches Modul nicht mehr lieferbar ist. Alles basiert auf Chips, die oftmals nur an wenigen Orten in der Welt überhaupt hergestellt werden können. Um hier für Ersatz zu sorgen, wäre enormes Expertenwissen nötig, und enorme Ressourcen. Viele Länder würden sicherlich gerne Chipfabriken bauen, aber ein paar Experten mit erstklassigen Uni-Abschlüssen reichen dazu eben nicht aus. Wenn mir das bewusst wird, erscheint mir unsere gesamte Zivilisation wie ein Kartenhaus. Ich wundere mich, warum es nicht schon längst zusammengebrochen ist und frage mich, auf welchen Stand wir unter ungünstigen Bedingungen zurückfallen würden. Nicht umsonst gelten Chip-Produktion, Autobau, Photovoltaik, Expertise in Chemie und Verfahrenstechnik als geopolitische Faktoren, um die hart gerungen wird. Dass China die Karten neu mischt, dürfte niemandem entgangen sein.

Verstärkt kommt mir der Gedanke jetzt in der Lebensphase, in der die Kinder von der Jugend ins Erwachsenenalter übergehen. Vielleicht ist es typisch für die Generation 50 plus. Es geht nicht nur um technische Geräte, wie Plattenspieler oder Cassettenrekorder, die meine Generation geprägt haben, während die Kinder eben streamen und sich damit auf das ewige Vorhandensein des Internets bzw. des Streaming-Abos verlassen. Man könnte ja auch MP3s anbieterunabhängig speichern- das nur am Rande. Es geht aber viel um Grundwissen, oft politisches. Natürlich hatte ich mit 18 selbst noch keinen umfassenden Überblick, aber eben doch eine grobe Vorstellung, wann welche politische, technische, gesellschaftliche Entwicklung zu verorten war. Wann hielt elektrisches Licht Einzug, wie lebte es sich direkt nach dem Krieg, ein Gefühl für Wirtschaftswunder- und DDR-Mentalität, für die 1968er und alles, was sich daraus entwickelte. Einiges sollte in der Schule auf dem Lehrplan stehen, dennoch haben die Kinder trotz guter Gymnasiallaufbahn etliche Lücken. Ich ertappe mich dabei, Dinge zu erklären, wie der Opa, der von früher erzählt. Es geht hin bis zur Mediennutzung, bei der klassische Zeitungen, Radio, Fernsehen für das politische Geschehen keinerlei Rolle mehr spielen und sich die Kinder auf Gespräche mit uns und das, was sie von Influenecern hören, verlassen. Sie sind nicht alle schlecht, aber steht die Demokratie auf diese weise nicht auf ganz wackeligen Beinen?

Es geht aber nicht nur um Wissen. Erfahrungen und Gefühle kann man nicht zurückbringen. Zeitzeugen sind auch dann einzigartig, wenn sie nur ganz gewöhnliche Dinge erlebt haben. Kindheit in bestimmten Epochen und Gesellschaftsschichten. Das Gefühl für Situationen. Was empfand ich selbst bei einem Scheunenfest der Landjugend Anfang der 1990er oder damals beim Roskilde-Festival? Wie war es, als meine Mutter 1950 zum kleinen Kaufmannsladen in ihrer Straße in Berlin ging? Am Ende bleibt für nachfolgende Generationen nur die oft profane Nachbildung im Film. Produktionen aus der damaligen Zeit sind dabei vorzuziehen, da sie zumindest noch die Sprache wiedergeben können. Neorealistische Perlen wie Deutschland im Jahre Null von 1947 vermitteln einen Vibe, wie es vielleicht wirklich war, während heutige Produktionen fast immer heutige Sprache verwenden, aus Vermarktungsgründen und weil es einfacher ist. Beispiel: Babylon Berlin. Dadurch werden sie unter diesem Aspekt wertlos.

Bücher oder Schriftstücke aus vergangenen Zeiten sind unsere Hauptquelle aus den Zeiten, als es noch keinen Film gab. Doch wer eine Vorstellung von Epochen bekommen möchte, braucht viel Zeit, um das Mosaik zusammenzusetzen. Als Meisterwerk mit genau diesem Thema gilt bekanntlich Marcel Prousts nicht enden wollender Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Es beginnt mit der Kindheit des Protagonisten in einer höhergestellten französischen Familie Ende des 19.Jahrhunderts. Man braucht viel Zeit und Geduld. Ich bin im ersten Band bisher nur durch die erste 100 Seiten gekommen. Aber man bekommt einen Eindruck: Etliche Empfindungen, Detailbeobachtungen reihen sich da aneinander, die ein Mensch noch ein Leben lang in sich trägt, auch, wenn er alt wird. Und jedes Leben ist einzigartig. Insofern sterben mit jedem Menschen hunderte individuelle Geschichten. Man muss sie gehen lassen. Und versuchen, zumindest ein paar Empfindungen weiterzutragen.


von Peer-Axel Kroeske
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